Historie

Historie

Das alte königliche Spiel ist „in"

Golf bei Schloss Wilkinghege und anderswo

The Royal and Ancient Golf Club nennt sich der 1754 in St. Andrews in Schottland gegründete älteste Golf-Club der Welt, und niemand würde auf den Gedanken kommen, die Gentlemen, die dort distinguiert ihrem Sport nachgehen und die es beharrlich zu verhindern wussten, ihn auf die olympische Bühne zu bringen, für gewöhnliche Sportler zu halten. Das Image des Besonderen haben natürlich die Unternehmer aus den USA, die das moderne Weltspiel mit erheblichem Medienaufwand im alten Europa verbreiteten, zu nutzen gewusst.

In Deutschland begann die Geschichte des Golfs 1895 in Berlin, und als man 1907 in Hamburg zur Gründung des Deutschen Golfverbandes (DG) schritt, fanden sich ins ganzen Reich gerade acht Clubs, die sich zu dem neuen Sportverband zusammenschlossen. Natürlich machte gerade diese Exklusivität den Reiz der Mitgliedschaft in den teuren Clubs aus, und so blieben die Golfspieler, als deren Protektor Prinz Heinrich von Preußen, der hochverehrte Bruder des Kaisers, auftrat, auf aristokratische Kreise und ausgewählte Herren aus dem Grossbürgertum beschränkt. In der Hauptstadt der königlichen Provinz Westfalen entstand kein Golfplatz. Dem westfälischen Adel genügte sein Pferdesport zur Selbstdarstellung.

Dann kam der große Krieg, und als er verloren war, der Kaiser sich ins Ausland abgesetzt und der Adel seine Privilegien verloren hatte, und als schließlich auch die Reichen durch die Inflation ruiniert waren, da geriet der Golfsport in eine Existenzkrise. Der Sport boomte wie nie zuvor, aber die zehn Golfclubs, die es in ganz Deutschland gab, zählten noch nicht einmal 1.000 Mitglieder. Doch es erwies sich, dass Golf seine Attraktivität keineswegs eingebüßt hatte und es in den bürgerlichen Schichten, die es sich leisten konnten, genügend Interessenten für das entspannende Spiel in wunderschöner Landschaft gab, die sich für das Image des „Royal and ancient game" begeistern konnten, auch wenn die Städte in der Regel nicht bereit waren, diese Sportler bei ihrem teuren Hobby finanziell zu unterstützen.

Unter diesen Bedingungen war die Zahl der Golfplätze in deutschen Kur- und Badeorten sowie einigen Großstädten langsam auf etwa 40 angestiegen, als sich 1931 hierzulande ein paar Golfenthusiasten zusammentaten, um den Golf- und Landclub Münster zu gründen. Ihren Platz wollten sie ursprünglich in der Nähe der Boniburg anlegen, entschieden sich dann aber für ein Gelände in Handorf-Hornheide, das dem Charakter der münsterländischen Parklandschaft besonders entsprach und zudem golferisch eine bessere Lösung darstellte. Die Stadt überließ ihnen das 30 ha große Grundstück für die Dauer von zwanzig Jahren. Dieses Entgegenkommen war allerdings nicht ganz uneigennützig, sah man doch den Golfplatz als weitere Attraktion für den Fremdenverkehr. Insbesondere hoffte man, die Nachbarn aus Holland anzusprechen, die in Hengelo, nur eine Stunde entfernt, schon seit längerer Zeit einen Golfplatz besaßen und hier nun neue sportliche Herausforderungen erwarten durften. Die Anlage und Unterhaltung des Clubgeländes mussten die Münsteraner Golfer allerdings aus eigener Tasche finanzieren. So wundert es nicht, dass anfangs nur drei Spielbahnen angelegt werden konnten. Auch auf den Bau eines eigenen Clubhauses wurde zunächst notgedrungen verzichtet. Zum Vereinslokal wählte man die benachbarte Kaffeewirtschaft Ringemann.

Die treibende Kraft unter den Initiatoren des Golfsports in Münster war Major a.D. Klingemann, Kurdirektor von Norderney, wo seit 1923 Golf, gespielt wurde. Er stellte die Kontakte zum dortigen Golflehrer Dürk her, der die Pläne für die Anlage in der Hornheide entwarf und interessierten Damen und Herren in der hiesigen Stadthalle die Grundlagen des neuen Sports in Praxis und Theorie vermittelte. Doch auch von anderer Seite kam unerwartet Unterstützung für das Vorhaben. Leichtathletik-Reichstrainer Josef Waitzer, der sich öfter persönlich auf dem 08-Platz bemühte, Hans Hoffmeister, dem bärenstarken Weltklasse-Diskuswerfer, die Feinheiten der Technik beizubringen, gab ihm zu diesem Zweck nicht selten den Golfschläger statt der 2-kg-Scheibe in die Hand. Bei einer solchen Trainingseinheit stand ein ganz junger Sportler in der Nähe. Er war so fasziniert von der Eleganz des Schwunges und dem Flug des kleinen weißen Balles, dass er sich nach ersten Versuchen mit geliehenem Material einen vollständigen Schlägersatz wünschte, den ihn seine Eltern in Holland kaufen mussten, und dann, der Eröffnung der Bahnen auf der Hornheide entgegenfiebernd, gleich mit dem Training auf dem Rasen des 08-Stadions begann. Sein Name: Willi Hecker. Schon in den 30er Jahren sollte er unter die besten deutschen Golfer aufsteigen, und noch heute, fast 70 Jahre später, trifft man ihn fast täglich bei seinem Sport auf dem Rasen von Wilkinghege.

Am 8. August 1431 wurde der Platz in Hornheide eröffnet. Später sollte er zu einer vollwertigen 9-Loch-Anlage erweitert werden, die den Golfspieler auf leicht welligem Gelände zwischen hochstämmigem Nadelwald und dichtem Laubwald über Fairways zwischen Erika und Ginster führen würde, durch eine Landschaft, wie sie für die Hornheide typisch war. Der durchweg sandige, wasserdurchlässige Boden kam den Platzbauern sehr entgegen, machte er doch das aufwendige Verlegen von Drainagen überflüssig. Der Golf- und Landclub bemühte sich, das spielerische Niveau zu heben und lud den damaligen Spitzenspieler Franz Guhl aus Hamburg ein, der sich von der Anlage so angetan zeigte, dass er ihr zur Freude der Münsteraner eine große Zukunft prophezeite. Es kam jedoch anders. Zwar ging der Ausbau zunächst allmählich voran, bis schließlich sechs Bahnen bespielbar waren und sogar ein bescheidenes Clubhaus errichtet und in Betrieb genommen werden konnte. Doch der politische Umbruch von 1933 führte letztlich zu Entwicklungen, die alle Langzeitplanungen über den Haufen warfen. Der Golfsport stand im Dritten Reich vor einer neuen Situation. Hatte die nationalsozialistische Presse vor der „Machtergreifung„ gegen das „verjudete" Golfspiel gehetzt, so erteilte der Reichssportführer nun dem Führer des Deutschen Golf-Verbandes (DGV) den Auftrag, das elitäre Spiel in einen Sport für alle Volksgenossen umzugestalten. Die Clubs begannen mit gezielter Jugendarbeit, und der DGV schrieb Pfingsten 1934 die 1. Jungen-Meisterschaft und die 1. Mädchen-Meisterschaft von Deutschland in Bergisch-Land bei Elberfeld aus. Willi Hecker, der golfbegeisterte münstersche Junge, nahm daran teil und kam unter die letzten Acht, unterlag dann aber in der dritten Runde dem späteren Meister Leonard von Beckerath aus Krefeld. Aus dieser hoffnungsvollen Aufwärtsentwicklung wurde der Golf- und Landclub jäh durch die Kriegsvorbereitungen des nationalsozialistischen Regimes herausgerissen. Im Zuge des Ausbaues des Militärflughafens Dorbaum beschlagnahmte die Luftwaffe das gesamte Gelände des Golfplatzes. Das bedeutete das „Aus" für den Spielbetrieb. Die nun gezwungenermaßen passiven Aktiven hielten zusammen, berichteten in der Deutschen Golfzeitung stolz, dass der Führer dem Sohn des Platzwartes das Eichenlaub zum Ritterkreuz verliehen hatte, und hofften auf bessere Zeiten.

Doch am Ende des Krieges, als die britischen Besatzungstruppen das Areal übernahmen, war von der herrlichen Sportanlage keine Spur mehr erhalten. Unter diesen Bedingungen erwies es sich als aussichtslos, den alten Club neu zu beleben. Die Wiederherstellung des alten Platzes war unmöglich, solange das Gelände militärischer Sperrbezirk war. Zudem ließ sich absehen, dass die Beseitigung der Schäden unverhältnismäßig hohe, letztlich nicht aufzubringende Kosten verursachen würde. So begann man um 1949, nach Alternativen Ausschau zu halten. Weil sich die Mitglieder schon zuvor weitgehend aus dem westlichen Münsterland rekrutiert hatten, richtete sich das Hauptaugenmerk auf diese Region. Die Golfbegeisterten fanden schließlich auf dem Gelände des fürstlich-bentheimschen Bagno bei Burgsteinfurt eine neue Heimstatt, wo sie 1950 den Golfclub Münsterland aus der Taufe hoben. Erster Präsident wurde der Warendorfer Textilunternehmer Hermann Josef Brinkhaus, der schon im alten Club dem Vorstand angehört und nun die Initiative zur Neugründung ergriffen hatte. Dem ausdrücklichen Wunsch der Stadt Münster, wegen ihrer Verdienste um die Förderung des Golfsports die neue, fast 30 km entfernte Anlage „Golfplatz Münster" zu nennen, wurde nicht entsprochen. Zu stark hatte sich die Industrie des Westmünsterlandes bei der Finanzierung engagiert, als dass sie sich diesen Image- und Werbefaktor hätte streitig machen lassen.

Doch die Münsteraner Enthusiasten ließen nicht locker mit ihren Bemühungen, das Golfspiel in die Stadt zurückzuholen. Planungen in der Nähe von Schloss Hohenfeld zerschlugen sich wegen des Autobahnbaues, und auch die in Erwägung gezogenen Alternativen in Altenberge und in den Bockholter Bergen erwiesen sich als nicht realisierbar. Als sich 1963 schließlich die Gelegenheit bot, zwischen Steinfurter Strasse und Gasselstiege bei Schloss Wilkinghege geeignetes Gelände zu pachten, schlossen sich die Interessenten zum Golfclub Münster-Wilkinghege zusammen und konnten die Mittel zur Einrichtung einer 9-Loch-Anlage, der erforderlichen Übungsstätten und eines eigenen Clubhauses aufbringen. Treibende Kraft und Gründungspräsident war Prof. Dr. Alfred Koch, der dem Verein bis heute – Prof. Koch ist Geburtsjahrgang 1907! – als aktiver Spieler und Ehrenmitglied angehört.

In den 60er und 70er Jahren entwickelte sich der Golfplatz, im Stile eines münsterländischen Parks gestaltet, zur schönsten Sportstätte der Stadt, und auch wenn die Neubauten von Kinderhaus näher rückten, durfte sich der exklusive Kreis der Golfer in einer eigenen Welt fühlen. In den 80ern und 90ern trat das ehrwürdige königliche Spiel, von den Massenmedien zum Markenzeichen des American way of life und zum mega-coolen Sport der Internet-Generation hochstilisiert, in Deutschland einen Siegeszug an wie wenige Jahre zuvor der Tennissport, so dass es sich nun, unter anderen Bedingungen als ein halbes Jahrhundert zuvor im Dritten Reich, anschickt, ein Spiel für weitere Schichten der Bevölkerung zu werden. Auch der Golfclub Wilkinghege öffnete sich diesem Trend. Nach dem Vorbild der „Schnupperkurse" anderer Sportarten bot er kostenloses Training für Jugendliche an und stellte seine driving ranges für Veranstaltungen des Schulsports zur Verfügung. Der Erfolg dieser Bemühungen ließ nicht auf sich warten. Obwohl die finanziellen Aufwendungen bis zur Platzreife für erwachsene Mitglieder nach wie vor nicht zu unterschätzen sind, steht der Club heute mit etwa 950 Mitgliedern an der Schwelle zum Großverein. Positiv für diese Entwicklung hat sich dabei gewiss auch die Erweiterung auf 18 Spielbahnen im Jahre 1987 ausgewirkt. Mit dem öffentlichen Golfplatz „Patrick's Pitch und Putt" an der Warendorfer Strasse („Golfen ganz preiswert unter professioneller Anleitung") und dem Golfpark Münster-Tinnen zwischen Amelsbüren und Albachten stehen den Münsteranern heute weitere Spielmöglichkeiten zur Verfügung. Im Münsterland gibt es insgesamt nicht weniger als 23 Clubs und drei öffentliche Anlagen: Das alte Spiel hat sich zu einem modernen Sport gemausert.

Folgende Zahlen können diese rasante Entwicklung eindrucksvoll belegen: 1963, im Gründungsjahr des Golfclubs Wilkinghege, gab es bundesweit gerade einmal 74 Vereine, in denen 12.400 Sportler aktiv waren. 2002 war die Zahl auf 654 angestiegen, die Zahl der Golfer auf 430.000. Es ist also nicht übertrieben, 1963 von golferischem Pioniergeist zu sprechen, den die Protagonisten der ersten Stunde an den Tag legten.

Im Jubiläumsjahr präsentiert sich der Golfclub Münster-Wilkinghege als ein moderner Großverein. Mitgliederstruktur und Clubleben sind intakt, die Weichen für die Zukunft gestellt.

Dank der mutigen Entscheidung des Vorstandes unter Hermann–Siegfried Rinn (Präsident 1999 – 2002), den Platz neu zu drainieren, ist die Anlage ganzjährig zu bespielen. Der amtierende Vorstand ist bestrebt, die herausragende Stellung des Clubs in der westfälischen Golflandschaft nicht nur zu behaupten, sondern kontinuierlich auszubauen.
 

Dr. Wolfgang Weikert

Weitgehend aus dem Buch: Münster – die Stadt und ihr Sport“, hg. Von H. Langenfeld und Klaus Prange, Aschendorff Verlag, Münster, 2002.